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Gemeinsam Lernen - Seminare für Studierende und geistig behinderte Menschen

Darstellung eines Seminarkonzeptes für Studierende des Bachelor Sonderpädagogik und Berufstätige mit geistiger Behinderung

 

„Es war wie Vergnügen, das Zusammensein miteinander, zusammen sein und sich unterhalten, weil man neue Leute kennengelernt hat,…wie es denen geht, was die so machen, was ich so mache.“ So beschreibt eine behinderte Teilnehmerin die gemeinsamen Seminare für behinderte Menschen und Studierende mit dem inhaltlichen Rahmenthema Selbstbestimmung. Sie fanden erstmals im Sommersemester 2012 an der Leibniz Universität Hannover statt.

Das Seminarkonzept wurde im Rahmen eines aus Studiengebühren finanzierten Projektes entwickelt, durchgeführt und evaluiert. Es erstreckt sich über zwei Semester und findet inzwischen seine Weiterführung im regulären Studienbetrieb.

Im Wintersemester besuchen die teilnehmenden Studierenden des ersten Semesters im Bachelor Sonderpädagogik zur Vorbereitung auf das Projekt ‚Gemeinsam lernen’ ein Seminar innerhalb der normalen Studienstruktur, das sich auf theoretischer Ebene mit relevanten Themen wie leichte Sprache, Selbstbestimmung und Erwachsenenbildung auseinander setzt. Parallel erfolgt die Werbung der behinderten Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Im Februar/März findet für die behinderten Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein Vorbereitungskurs statt, der Inhalte, wie das Sprechen in einer Gruppe, Moderation, die Erarbeitung von Informationen aus Texten und die Präsentation von Seminarinhalten umfasst. Dies geschieht ebenfalls anhand des Rahmenthemas Selbstbestimmung. Diese – letztlich ‚zielgruppenspezifisch’ ausgerichteten – Seminare halten wir angesichts der weitgehend unterschiedlichen Bildungsbiographien und Lebenswelten für sinnvoll, um die gemeinsamen Seminare innerhalb der relativ starren universitären Strukturen erfolgreich durchführen zu können. Den behinderten Teilnehmerinnen und Teilnehmern sind nach dem Vorbereitungskurs die Räume der Universität, der Ablauf eines Seminartages und die verwendeten Methoden bekannt.  So sollen sich alle Beteiligten aufeinander einlassen können, ohne dass die Studierenden in eine Unterstützerrolle gedrängt werden. Insbesondere soll vermieden werden, dass den Studierenden von Beginn an informelle Führungsrollen zugeschrieben werden.

Im Sommersemester werden zwei gemeinsame Seminare durchgeführt, die inhaltlich und organisatorisch eng miteinander verknüpft sind. In der gesamten Seminargruppe werden sechsstündige Seminarsitzungen und ein Kompaktseminar mit Übernachtung durchgeführt. In gemischten Kleingruppen werden an vier festgelegten Projekttagen kleinere, selbst gewählte Projekte zum Rahmenthema Selbstbestimmung organisiert und durchgeführt. Eine öffentliche Präsentation der Projektergebnisse rundet die gemeinsame Arbeit ab.

Die ersten beiden Durchgänge der Seminare im SS 2012 und SS 2013 standen unter dem Rahmenthema ‚Selbstbestimmt leben trotz Behinderung’. Dieses Thema wurde gewählt, um den behinderten Menschen zu ermöglichen, sich mit ihren Lebenserfahrungen als Experten einzubringen. Da nur sie die Situation des Lebens mit Behinderung und die damit verbundenen Erfahrungen von Abhängigkeit und Diskriminierung kennen, können sie Informationen geben, die Menschen ohne Behinderung verschlossen bleiben. Damit ermöglichen sie wertvolle und einzigartige Lernerfahrungen auf Seiten der Studierenden. Die behinderten Menschen können zu den Seminarinhalten Beiträge leisten, die sich zwar von denjenigen der Studierenden und Lehrenden unterscheiden, aber für das Seminarergebnis ebenso wichtig und wertvoll sind. Um die Arbeit in den gemischten Projektgruppen gut zu begleiten und eine positive Erfahrung von Gleichheit und Verschiedenheit zu ermöglichen, wird in den Seminarsitzungen auch immer wieder die Zusammenarbeit in Kleingruppen zum Thema gemacht und es werden Reflexionstreffen der Projektarbeiten durchgeführt.

Im Sommersemester 2014 bildet das Thema "Politik - Demokratie und Möglickeiten zur Mitbestimmung von behinderten Menschen" den inhaltlichen Schwerpunkt. Hierbei bringen alle Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer ähnliche Lernvoraussetzungen mit. Es kann auf eine Fülle von Materialien in leichter Sprache zurückgegriffen werden und in den Projektgruppen können Ergebnisse entstehen, die sowohl für die Professionalitätsentwicklung der Studierenden als auch für die individelle Bildungsbiografie der behinderten Teilnehmer von unmittelbarer Bedeutung sind. Das Thema schließt an das Thema "Selbstbestimmt Leben" an und bietet die Möglichkeit, im Umfeld aller Beteiligten Ideen der Selbst- und Mitbestimmung konkret umzusetzen, ohne den engen Rahmen der Sonderpädagogik im Blick zu haben. Selbst- und Mitbestimmungsmöglichkeiten werden dabei nicht aus der Perspektive von Behinderung beleuchtet, sondern aus der Perspektive von Bürgerinnen und Bürgern eines demokratischen Staates. Denkbar sind Hospitationen und Interviews in politischen Einrichtungen und mit Politikerinnen und Politikern, Sichtung und Analyse von Parteiprogrammen aber auch Ausarbeitungen zu gesetzlichen Grundlagen und zu Fragen, die dem Interesse der Seminargruppe entsprechen.

Ziel ist es, den Studierenden durch dieses Lernformat einen Perspektivenwechsel zu ermöglichen, durch den sie behinderte Menschen nicht nur als Hilfeempfänger, sondern zugleich als kompetentes Gegenüber wahrnehmen. Sie erfahren aus erster Hand, was ‚Selbstbestimmung’ für behinderte Menschen bedeutet und erlebten die behinderten Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht als Klienten oder Betreute, sondern auf Augenhöhe in gemeinsamen Lernsituationen. Dadurch sollen die geplanten Seminare in einer qualitativ anderen Weise einen Theorie-Praxistransfer leisten als das in der Regel in üblichen Seminaren und Praktika möglich ist.

Für die behinderten Menschen soll die Teilnahme Einblicke in universitäre Lernformen und -inhalte, das Erlernen von Methoden, der Erarbeitung und Präsentation von Inhalten in heterogenen Gruppen sowie einen Gewinn an Selbstvertrauen durch die ungewohnte Expert/-innenrolle erzielen.

Dorothee Meyer, Prof. Dr. Bettina Lindmeier

Leibniz-Universität Hannover, Institut für Sonderpädagogik